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Einfühlende Kommunikation oder: Die „Großen“ sind auch ein bisschen Klein

Wir kommunizieren mit Babys anders als mit unseren großen Kindern. Dabei könnten unsere „Großen“ empathisches Einfühlen und ermutigendes Verhalten auch gut brauchen. Bei Babys oder kleinen Kindern, die erst wenig sprechen können, hören wir auf die Stimme, den Tonfall, achten auf Körperhaltung, Gesten, Mimik, Blickrichtung. Wir verbalisieren automatisch was in ihnen vorgehen könnte, was sie evtl. ausdrücken möchten:

  • Baby erwacht und lächelt uns an: „Du strahlst ja so. Hast du gut geschlafen?“
  • Baby streckt die Arme aus: „Möchtest du raus aus dem Bett?“
  • Baby sagt „da“ und zeigt auf etwas. Wir folgen dem Blick und fragen: „Möchtest du mit dem Ball spielen?“
  • Baby weint: „Oh, wer hat denn da Hunger?“
  • Baby macht einige Schritte und wir ermutigen: „Toll! Ja genauso! Komm her! Noch ein Stück. Gleich bist du da. Prima!“
  • Baby fällt hin: „Plumps. Nicht so schlimm, probiere es noch mal!“
  • Vielleicht jubeln noch andere Beobachter*innen: „Wie niedlich. Schau mal, wie er/sie läuft!“

Unseren Babys und kleinen Kindern tut das gut, keine Frage. Es ist schön, dass wir so auf sie eingehen.

Sobald sich unsere Kinder gut verbal ausdrücken können, scheinen wir jedoch die Fähigkeit des genauen Beobachtens, des einfühlenden Verstehens und Ermutigens zu verlernen oder vielleicht als nicht mehr so wichtig zu erachten. Vielleicht nehmen wir uns im Alltagsstress auch zu wenig Zeit dafür. Zumindest treten die oben genannten Verhaltens- und Kommunikationsweisen in Gesprächen mit älteren Kindern mehr und mehr in den Hintergrund. Wir Erwachsenen achten hauptsächlich auf das, was gesprochen wird und reagieren meistens zügig mit einer Antwort. Vor allem in Situationen, in denen das Kind etwas anders möchte als wir, streiten wir dann schnell. Denn wir Eltern springen oft auf den Ton und die Gestik ein, die uns am Meisten provoziert und darauf reagieren wir gereizt. Dabei könnten wir, bei genauerer Beobachtung, noch andere Gefühle als Wut, Trotz oder bewusste Provokation wahrnehmen.

Mein Sohn bringt mich beispielsweise auf die Palme, wenn er auf dem Sofa herumlungert und mit genervtem Ton immer wieder sagt: „Mir ist langweilig!“ Ich habe eigentlich anderes zu erledigen, nehme von ihm aber den Auftrag wahr: „Tu was dagegen. Beschäftige mich! Denk du dir was aus, was mir Freude macht.“ Wenn ich darauf einsteige, mache ich Vorschläge, schleppe Material zum Basteln o.ä. an. Alles lehnt er ab. Irgendwann macht mich das sauer. Ich fühle mich veräppelt, genervt und das, was ich erledigen wollte, ist auch liegen geblieben. Häufig kommt es dann zum Streit. Und alle sind unzufrieden. Würde es mir gelingen, die Zwischentöne zu hören und mich mehr auf seine Mimik und Körperhaltung zu konzentrieren, statt nur auf seine verbalen Äußerungen, würde ich bemerken, dass er in diesen Momenten eigentlich traurig ist, vielleicht auch etwas unsicher und ratlos. Er möchte Zeit mit mir verbringen, kann es aber nicht direkt äußern. Er ist traurig, dass ich zwar da bin, aber andere Dinge zu tun habe. Gestern ist es mir gelungen, hinter die Äußerung zu schauen. Er hatte 2 Freunde zu Besuch und wir hatten einen tollen Nachmittag zusammen. Er war rundherum glücklich. Kaum hatten sie sich verabschiedet, sagte er wieder: „Mir ist langweilig.“ Mein 1. Gedanke war: „Das kann doch nicht wahr sein. Du hast doch den ganzen Tag gespielt. Du wirst doch mal 10 Minuten Nichts-Tun aushalten können.“ Zum Glück sagte ich es nicht, sondern sah in sein Gesicht. Ich setzte mich zu ihm und sagte: „Du siehst traurig aus. Findest du es schade, dass deine Freunde gegangen sind? Hättest du gerne mehr Zeit mit ihnen gehabt?“ Plötzlich erschlaffte sein Körper, er nickte und weinte. Ich umarmte ihn, sagte, dass ich verstehen könne, dass er traurig sei, weil sie sich selten sehen und dass man ruhig ein bisschen weinen darf, wenn man traurig ist. Das tat ihm gut. Mir auch. Wir hatten eine Verbindung statt Streit. Danach erklärte ich ihm, dass ich nun ein bisschen aufräumen müsse und Abendessen vorbereiten und er entschied sich für ein Hörspiel.

Dies ist nur ein Beispiel, aber es brachte mich zum Nachdenken. Wir könnten doch probieren, bei  größeren Kindern, die verbalen Äußerungen, die uns vielleicht ärgern, einmal bewusst zu überhören und auf das zu achten, was die Kinder uns auf andere Art sagen. Bei  Babys sind wir doch auch gut darin zu erahnen, was in ihnen vorgehen könnte, was sie brauchen, ohne dass sie es verbal ausdrücken. Und wenn es uns gelingt und wir mit unserer Vermutung ins Schwarze treffen, können unsere Kinder von uns lernen, ihre Bedürfnisse selbst wahrzunehmen und lernen, sie gezielter zu äußern. „Ich fühle mich gerade einsam und hätte gerne mehr Zeit mit dir“ kann ich viel besser annehmen als: „Mir ist langweilig. Nie spielst du mit mir.“ Und auch großen Kindern würde es gut tun, wenn wir ihnen mit positiven Blick, einem offenen Lächeln, einem freundlichen Ton und ermutigenden Worten begegnen, so wie wir es bei ihren kleinen Geschwistern tun (was die „Großen“ sehr wohl wahr nehmen und sich dadurch zurecht manchmal zurückgesetzt fühlen). Denn schließlich sind auch die „Großen“ noch ein bisschen klein. Es sind schließlich auch noch Kinder.