Urlaub zu Hause – Experiment und Plädoyer 

Diesen Urlaub haben wir zum 1. Mal zu Hause verbracht. Für uns war es etwas ganz Neues und ein kleines Experiment, das sich sehr gelohnt hat. Das möchte ich gerne mit euch teilen.

Alles kam so: Normalerweise wollten wir mit unserem Campingbus losfahren. Das Ziel war offen, wir wollten schauen wo das Wetter gut ist. Eine Woche vor Abfahrt war ich jedoch ziemlich urlaubsreif und der Gedanke an die Reisevorbereitungen, an zwei Tage Autofahrt (die Tendenz ging nach Südfrankreich) und drei Wochen auf so engem Raum, stressten mich so, dass mir die Lust am Urlaub fast verging. Um die Enge etwas zu entzerren, wünschte ich mir 5-7 Tage auf einem Bauernhof, mit mehr Platz für Rückzug und anderen Kindern und Tieren, um den Kindern eine Freude zu machen. Noch schnell eine Unterkunft auf einem Bauernhof zu finden, stellte sich so kurzfristig als große Herausforderung heraus. Wild suchten mein Mann und ich in Italien, Schweden, Frankreich, Kroatien, Süddeutschland und waren davon völlig erschöpft. Irgendwann fragen wir uns, warum wir uns dieses Jahr so schwer damit taten, uns für ein Ziel zu entscheiden und warum wir die Entscheidung so lange vor uns her geschoben hatten, dass wir am Ende so in Stress gerieten. Das war doch sonst nicht unsere Art. Ich warf die Frage auf: „Wollen wir vielleicht gar nicht wirklich wegfahren?“ Das musste erst einmal sacken. Nach und nach erzählten wir uns, dass wir uns beide nach einem Urlaub sehnten, der entspannt sei, in dem wir nicht so viel Fahren müssten, in dem die Kinder Platz zum Spielen hätten, wir flexibel wären, den Kindern Abwechslung bieten könnten, nicht so viel packen müssten, auch Zeit zu zweit am Abend hätten und einigermaßen wetterunabhängig seien (zu 4. im Bus kann einem bei Regentagen schon mal die Decke auf den Kopf fallen). „Und wenn wir einfach zu Hause bleiben?“ Plötzlich stand die Frage im Raum und schwebte dort, bis sie langsam in unsere Köpfe zu sickern begann. Bei mir kam zunächst Widerstand auf: „Das haben wir noch nie gemacht, wir wollen doch etwas erleben und von der Welt sehen, hier erledigen wir dann doch ständig irgendetwas und erholen uns nicht“, usw. Als die Gegenargumente auf dem Tisch lagen, konnten wir konstruktiv mit ihnen umgehen und überlegen, wie Urlaub zu Hause denn aussehen könnte. Und plötzlich fühlte es sich bei uns beiden sehr stimmig an. Wir legten einige Regeln fest: z.B.

  • z.B. dass wir im Garten und Haus nur das Nötigste erledigen und keine neuen Arbeiten starten,
  • dass niemand arbeitet oder in die Kita geht
  • und auch Hobbies pausieren, denn schließlich gehe ich auch nicht zum Yoga, wenn wir unterwegs sind,
  • dass wir Ausflüge in die Umgebung machen wollen
  • und uns wirklich Zeit für die Kinder und für uns nehmen.

So waren wir bereit, das Experiment zu starten und als die Entscheidung gefallen war, fühlten wir uns erleichtert. Wichtig war uns aber, dass auch die Kinder damit einverstanden waren. Der Kleine macht ohnehin noch alles mit, aber der Große fragte zunächst sehr klug, wie das denn gehen würde, Urlaub zu Hause. Nach unserer Erklärung fand er die Idee gut und eine Woche später startete unser 1. Urlaub zu Haus bzw. in der näheren Umgebung. Unser großer Sohn hatte sehr viele Ideen für Unternehmungen und es war toll zu sehen, wie sehr er sich freute, dass wir seine Vorschläge ernst nahmen (das wirkt ermutigend) einmal so zeitnah umsetzen konnten, ihn nicht vertrösteten mit den Worten „das machen wir irgendwann mal, wenn wir Zeit haben“, wie es im Alltag leider öfter vorkommt. Wir lösten auch einige der Versprechen an ihn ein, die schon länger immer wieder verschoben wurden. Das machte nicht nur unsere Kinder glücklich, sondern löste auch in uns Eltern ein gutes Gefühl aus. Schließlich wollen wir Eltern sein, die ihre Versprechen halten und viele Versprechen auf einmal einzulösen, fühlt sich wirklich fantastisch an. Gelangweilt haben wir uns in den drei Wochen kein einziges Mal. Wir hatten ausreichend Ideen für Unternehmungen. Vielleicht ist ja auch etwas für euch dabei:

  • Wir starteten mit einem Picknick im Wald auf dem hohen Turm „Langer Otto“ bei Trittau,
  • machten eine Radtour zum Bauernhof Gut Wulksfelde,
  • besuchten das Steinhuder Meer und den Dinopark Münchehagen,
  • fuhren mit der Fähre nach Wilhelmsburg,
  • verbrachten drei Nächte auf dem Elbecamp am Falkensteiner Ufer
  • und zwei Nächte auf Fehmarn und planschten in der Ostsee,
  • wir aßen viel Eis,
  • gingen öfter Essen,
  • machten Wasserschlacht im Garten,
  • lasen den Kindern viel vor,
  • spielten Spiele (z.B. Kubb/ Wikinger Schach im Garten oder am Strand),
  • ließen viel öfter mal Fünfe gerade sein (ist doch Urlaub)
  • und jede Woche besuchten wir jemanden, so hatten die Kinder auch andere Kinder zum Spielen und wir nette Abende mit anderen Erwachsenen.
  • Zwischen den Ausflügen waren wir immer ein oder zwei Tage zu Hause. Das war sehr angenehm. Wir genossen unseren Garten, den Platz und die Rückzugsmöglichkeiten, das Schlafen im eigenen Bett, das viele Spielzeug.

Alle vier waren wir zufrieden und erholt nach unserem Urlaub zu Hause und fühlten uns sehr miteinander verbunden. Der 1. Kitatag fiel den Kindern genauso schwer, wie uns Erwachsenen der 1. Arbeitstag. Wir haben noch viele Ideen, die wir nicht alle geschafft haben,

  • wie Zelten im Garten,
  • Ponyreiten,
  • das Freibad besuchen,
  • in die Boulderhalle gehen,
  • Stockbrot machen,
  • Schatzsuche spielen,
  • Filmabend mit Popcorn,
  • Flohmarktbummel…

Aber das Schöne ist: der Urlaub zu Hause kann zwischendurch immer wieder als Kurzurlaub stattfinden, am Wochenende oder auch mal am Nachmittag, wenn wir nicht so spät zu Hause sind. So können wir das Urlaubsgefühl auffrischen, Energie tanken, Versprechen einlösen und uns als Familie ganz nah fühlen. Und einen ganzen Urlaub zu Hause verbringen, haben wir sicher nicht zum letzten Mal gemacht. Was ich erst als Notlösung empfand, entpuppte sich am Ende als ein Reiseziel mehr, das wir nun als Wunschort mit auf unsere Liste nehmen können. Das ist doch wunderbar.

Ich wünsche euch wundervolle Urlaubstage, wo immer ihr sie verbringen werdet und vielleicht probiert ihr einen unserer Ausflüge oder eine der Ideen selbst aus. Ich freue mich, wenn auch ihr mir eure Ideen für zu Hause und für schöne Ziele in der Umgebung nennt. Lasst es euch gut gehen und öfter mal Fünfe gerade sein lassen, egal ob gerade Urlaub ist oder nicht. Das tut so gut. Die Kinder und eure Nerven werden es auch danken 😉

eure Jessica

Die Geschwister-Beziehung stärken

Neulich beim Baden haben meine beiden Kinder so wild geplanscht wie noch nie. Mein 1. Gedanke hatte mit mir selbst zu tun: „Ich habe keine Lust, gleich alles aufwischen zu müssen. Ich möchte das stoppen!“ Dann habe ich aber beobachtet, wie viel Spaß sie zusammen hatten: sie haben laut und ausgiebig gelacht und sich so toll verstanden. Also habe ich ein Riesen-Handtuch hoch gehalten, damit zumindest ein Teil des Bads geschützt wurde, darauf geachtet, dass der Kleine nicht umkippt und mir immer wieder gesagt: „Es geht um die Geschwisterbeziehung! Es geht um die Geschwisterbeziehung!“ und sie machen lassen. Das war wunderbar für alle. Ich wurde zunehmend entspannter und vom Spaß der beiden angesteckt und meine kinder fühlten sich pudelwohl. Und so lange hat das Aufwischen dann gar nicht gedauert…

Meine Idee: Wenn wir Eltern tolle Geschwister-Momente bemerken, sollten wir diese Augenblicke unterstützen. Dadurch, dass wir dem Raum geben und uns zweimal überlegen, ob wir hier unterbrechen wollen, weil wir dadurch vielleicht mehr Arbeit haben, es uns etwas zu laut oder wild ist. Es hilft, sich kurz zu überlegen, warum ich das gerade nicht mag. Das hat oft mit uns selbst zu tun und nicht mit unseren Kindern. Ich habe das Bedürfnis nach Ordnung, Ruhe, Entspannung. Dann schaue ich, ob meine Sorge, dass es mir hier vielleicht aus dem Ruder laufen könnte, berechtigt ist: wie lange dauert das Aufräumen hinterher wirklich? Läuft eines der Kinder Gefahr verletzt zu werden, oder kann ich da entspannt sein? Wie groß ist mein Bedürfnis nach Ruhe und Ordnung aktuell? Kann ich das auch aufschieben zugunsten der Förderung des tollen Geschwister-Moments? Und wenn ich das durchdacht habe und mich für die Geschwisterbeziehung entschieden habe, kann ich den Moment mit den Kindern zusammen genießen und mich darüber freuen, dass sie sich so gut verstehen. Langfristig lohnt es sich auf jeden Fall, denn ein gutes Familienklima macht weniger Arbeit, als dauernder Streit und Kampf.

Die Geschwisterbindung könnt ihr auch durch Spiele fördern. Hier ein paar Ideen für euch: Aufgaben, die sie nur gemeinsam lösen können, Spiele ohne Sieger*in und Verlierer*in, wie Schatzsuche, Luftballontanz (gerne gegen die Eltern), Gemeinsamkeiten suchen (Aussehen, Hobbies, Charakter), sich zusammen einen Barfußparcours ausdenken und gegenseitig (oder die Eltern) darüber führen, ein Geräusche-memory herstellen, Pizza-Rücken-Massage oder sich gegenseitig zum Lachen bringen.

Viel Spaß dabei!

eure Jessica

die Stimme wieder ins Lot bringen

Heute möchte ich mich einmal einem logopädischen Thema widmen, das euch sicher vertraut ist: mit der Stimme.

Gerade in der Erkältungszeit, wenn wir durch Heiserkeit kein Wort herausbekommen, wird uns bewusst, dass die Stimme eines unserer wichtigsten Ausdrucks- und Arbeitsmittel ist. Daher sollten wir sie gut behandeln.

Leider kursieren einige Mythen darüber, wie man sich bei Heiserkeit verhalten sollte. Ich möchte euch verraten, wie ihr eure Stimme wieder ins Lot bringen könnt.

  • Flüstern sollte man zum Beispiel nicht, denn das strengt die Stimme sehr an. Am besten wenig und nur leise sprechen. Absolute Stimmruhe wäre natürlich am allerbesten. Das ist schwer umzusetzen, besonders, wenn man Kinder hat.
  • Räuspern sollte man möglichst vermeiden. Stattdessen einmal kräftig Husten
  • und viel Trinken, z.B. Salbeitee oder stilles Wasser. Lieber kein Sprudelwasser, das für einen gereizten Hals unangenehm sein kann und auch keinen Pfefferminztee. Der kann die Stimmlippen auf Dauer austrocknen.
  • Herzhaftes, lautes Gähnen ist eine tolle Atem- und Stimmübung und weitet den Kehlkopf.
  • Stress und alles, was die Schleimhäute reizt, lieber vermeiden:
    • kalte und zu trockene Luft,
    • Alkohol und Zigaretten,
    • verrauchte Räume
    • und Produkte mit Menthol, denn auch die trocknen die Schleimhäute langfristig aus. Salbeibonbons sind die bessere Wahl.

Neben der „normalen“ Heiserkeit bedingt durch eine Erkältung kann es passieren, dass die Stimme  auch im (beruflichen) Alltag Schwierigkeiten macht. Besonders wenn man Vorträge halten oder sich häufig vor größeren Gruppen Gehör verschaffen muss, kann es zu einer stimmlichen Überlastung kommen. Einige Zeit lässt es sich kompensieren, doch dauerhaft kann es zu Problemen kommen. „Fehler“ können sich an vielen Stellen einschleichen, denn Stimmgebung ist abhängig von unterschiedlichen Faktoren, die zusammen arbeiten: Atmung, Körperhaltung, Stimmlippen, Sprechwerkzeuge und Resonanzkörper. Auch dauerhafter emotionaler Stress kann die Stimme negativ beeinflussen.

Es ist hilfreich zu wissen, wie man die eigene Stimme schonen, trainieren und auch entspannen kann. Wenn es um das Halten von Vorträgen oder das Anleiten von Gruppen geht, ist neben einer angenehmen Stimme auch die Artikulation, Sprechtempo und Betonung von Bedeutung und kann dazu führen, dass unser Publikum uns mit Vergnügen oder eher ungern zuhört.

Wenn ihr dazu mehr erfahren möchtet, habt ihr in meinem Kurs: „Meine Stimme“ die Gelegenheit.

Termine:

  • Montag 25.03.19 von 19-22h in der Hanse-Logopädiepraxis in Rahlstedt
  • Dienstag 26.03.19 von 19-22h im Movimental e.V. in Hoheluft

Hier könnt ihr euch direkt anmelden!

Herzlichst eure Jessica

Geschwisterkinder – eine Hassliebe?!

Unser Kleiner ist nun in einem Alter angelangt, in dem er sich nicht mehr so leicht die Butter vom Brot nehmen lässt. Will heißen, er hält das Spielzeug, was der große Bruder haben möchte, gut fest und schreit laut, weil er es nicht hergeben möchte. Er kann ein paar Wörter sprechen und sich vor allem mit Hauen und Haare ziehen zur Wehr setzen. Es kommt zum Streit. Da er den großen Bruder unglaublich toll findet, läuft er ihm wie ein kleines Hündchen hinterher und will mitmachen. Große Wut überkommt ihn, wenn es noch nicht so gut klappt wie beim Bruder. Und der Große wird wütend, wenn sein Spiel vom Kleinen kaputt gemacht wird. Hinzu kommt von beiden Seiten ein zunehmendes Buhlen um die Aufmerksamkeit der Eltern, verbunden mit einem Missgönnen, wenn der andere an der Reihe ist.

Kommt euch bekannt vor? Kein Wunder! Geschwisterrivalität und –streit sind absolut normal und kommen in den besten Familien vor. Wer eine Schwester oder einen Bruder hat, die altersmäßig nicht zu weit entfernt sind, wird sich vielleicht selbst daran erinnern. Für Eltern kann diese Normalität trotzdem Nerven kosten. Oft fühlen wir uns verantwortlich, wollen schlichten und Harmonie herstellen. Oder wir fühlen uns schuldig, weil es so schwierig ist, allen gerecht zu werden und ihnen unsere Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen. Gut gemeinte Sätze wie: „wenn du dich mehr anstrengen würdest, könntest du das genauso gut wie deine Schwester“ können ungewollt entmutigend wirken. Das kann manchmal ratlos machen.

Ein Grund dafür, sich diesem spannenden Thema zu widmen, sich Luft zu machen und auszutauschen. Mein Workshop Geschwister(rivalität) bietet euch Gelegenheit dazu. Wir sprechen darüber, welche Vor- und Nachteile die verschiedenen Geschwisterpositionen (Älteste*r, Jüngste*r, Mittlere*r) mit sich bringen und erfahren, wie wir Entmutigungen vermeiden können. Zusammen überlegen wir, wie wir Eltern bei Streit und Rivalität anders reagieren könnten, was unsere Kinder wirklich brauchen und wo wir uns auch einmal heraus halten sollten.

Ich freue mich auf den Austausch mit euch.

Wann und wo:

25.2.19 19-21.30h in der Hanse-Logopädiepraxis (Rahlstedter Straße 172, HH-Rahlstedt)

26.02.19 19-21.30 im Movimental e.V. (Hoheluftchaussee 126, HH-Hoheluft)

Kosten: 39/Person

Alle Infos findet ihr hier!

Alles Gute! Eure Jessica

Übrigens: Wer schon an einem meiner Workshops teilgenommen hat, kann an regelmäßigen Coachings in Kleingruppen teilnehmen. Dort werden die Inhalte der Workshops vertieft und ihr bekommt viele Tipps für eigene Themen. Alle Infos gibt es hier!

die lieben guten (Erziehungs-)Vorsätze

Das Jahr 2019 ist erst 2 Wochen alt und trotzdem stecke ich schon wieder ganz im Alltag. Der Zauber des Neuen, der mich dieses Mal am Neujahrstag tatsächlich einmal packte, ist schon fast wieder verflogen. Ich bin auf ein altbekanntes Problem herein gefallen: ich habe mir zu viel vorgenommen und nun hetze ich meiner To-do-Liste hinterher und fühle mich schon jetzt alt im neuen Jahr.

Ich glaube, viele Eltern kennen dieses Gefühl: wir nehmen uns häufig etwas vor, was uns dann überfordert. Oft ist es entweder zu viel auf einmal oder das Ziel ist zu hoch gesteckt. Manchmal passt es auch einfach nicht zu uns. Das müssen gar keine guten Vorsätze für das neue Jahr sein. Im Erziehungsalltag gibt es immer wieder Situationen, die nicht so laufen, wie wir es gerne hätten. Der Wutanfall des Kindes kommt aus heiterem Himmel, im genau falschen Moment. Erwischt uns eiskalt und auf dem falschen Fuß und wir streiten so laut mit unserem Kind, wie wir es eigentlich nie tun wollten und fühlen uns danach erledigt und niedergeschlagen. Um nur ein Beispiel zu nennen. Im Anschluss denken wir reflektierten Eltern: Da habe ich falsch reagiert. Beim nächsten Mal mache ich es anders. Dann testen wir etwas Neues, lesen ein kluges Buch zum Thema, nehmen uns fest vor, bei der nächsten Gelegenheit alles umzusetzen, was uns beim Lesen oder beim Nachdenken im stillen Kämmerlein so sinnvoll erschien und zack, klappt es wieder nicht. Was ist das nur mit diesen Vorsätzen und warum fällt es so schwer, sie in die Tat umzusetzen?

Zum einen sind es oft zu viele Dinge auf einmal, die wir anders machen möchten. Das überfordert. Es ist fast unmöglich, den Kindern immer sofort die volle Aufmerksamkeit zu geben, immer mit ihnen zu spielen, wenn sie es gerne möchten, jeden Geschwisterstreit zu vermeiden, immer gute Laune und Power zu haben und nie zu meckern oder laut zu werden. Und nicht zu vergessen, Arbeit, Haushalt, Beziehung, eigene Interessen, sowie Hunger, Schlaf- und Ruhebedürfnis, die auch noch Raum finden müssen. Und einige Dinge, die wir in den klugen Büchern lesen oder von denen uns Freunde und Freundinnen berichten, passen einfach nicht zu uns. Sie entsprechen nicht unserem individuellen Lebensstil. Und so verfallen wir, besonders in Stresssituationen, immer wieder in altbekannte Verhaltensmuster. Diese sind schwer aufzulösen. Das stelle ich in meinen Coachings immer wieder aufs Neue fest.

Was hilft?

  • Zunächst schau doch einmal, ob dein Vorsatz realistisch ist. Ist er wirklich umsetzbar und zwar in einer schwierigen Alltagssituation? Oder handelt es sich eher um Wunschdenken, wie perfekte Eltern reagieren müssten.
  • Dann prüfe, ob du dich mit zu vielen Veränderungswün-schen deines Verhaltens überforderst. Reduziere deine Ideen zunächst auf 1 oder 2 konkrete Punkte und probiere diese eine Woche konsequent aus. Z.B. Beim nächsten Wutanfall, schlucke ich meine erste Reaktion herunter, gehe ein paar Schritte zurück und atme fünf Mal tief in den Bauch, bevor ich reagiere. Das ist manchmal schon schwierig genug. Wenn das gut klappt, kannst du dir den nächsten Schritt vornehmen. Z.B. ich halte keinen Vortrag, sondern sage in zwei klaren Sätzen, in einer Ich-Botschaft, was mir gerade nicht gefällt.
  • Und wenn es dir immer wieder schwer fällt das, was du dir vornimmst, auch einzuhalten, kann es sein, dass dieses Verhalten nicht zu dir passt. So einfach. Wer schon als Kind einen chaotischen Schreibtisch hatte und sich darin zu Recht fand, dem wird es als Erwachsene*r schwer fallen, immer überall Ordnung zu halten. Wer immer auf den letzten Drücker Dinge erledigt hat, wird nicht über Nacht zum*zur vorausschauenden Planer*in. Dann probiere etwas anderes aus, was dir mehr entspricht. Und wenn es dich zu sehr wurmt, dann rufe mich an und wir schauen gemeinsam, ob wir deinem Lebensstilmuster auf die Schliche kommen.

Bei all den guten Vorsätzen lasst euch nicht entmutigen! Es ist noch kein*e Erziehungsmeister*in vom Himmel gefallen und ich bin mir sicher, ihr macht alles immer so gut wie ihr könnt. Und wenn es mal nicht rund läuft, ist das absolut menschlich.

Ich wünsche euch und eurer Familie ein glückliches, gesundes und fröhliches Jahr 2019!!!

„Mama, aber jetzt ist doch Advent…“ Ideen für Weihnachtsmomente mit Kindern

Schon ist die Adventszeit halb vorüber und vieles, was wir uns vorgenommen hatten an schönen gemeinsamen, gemütlichen Momenten ist auch dieses Jahr im Alltagsstress auf der Strecke geblieben? Ich spreche euch aus der Seele? Dann hab ich noch ein paar schnell durchführbare Ideen für euch, die mit auch schon mit Kleinkindern umsetzbar sind und euch schöne gemeinsame Adventsmomente bescheren können…

  • Weihnachtskarten basteln für Bastelfaule (wie mich), ganz einfach und ohne viel Material: Ich hab dieses Jahr weiße blanko Karteikarten in Postkartengröße genommen und Washi-Tape, das ich gerade zu Hause hatte. Meine Kinder durften das Tape in Streifen reißen. Zusammen mit dem Großen klebten wir sie auf die Karten und gestalteten Tannenbäume und Kerzen. Noch kurz „Frohes Fest“ drauf geschrieben und Karten an liebe Menschen geschickt (Kita-Freunde natürlich eingeschlossen…)

 

  • Ein tolles Kerzen-Spiel für Kinder ab circa 4 Jahre: Ihr braucht 3 Teelichte pro Person, ein Feuerzeug und einen Dreier-Würfel (einen normalen Würfel könnt ihr mit Klebeband und Punkten drauf malen zum Dreier gestalten). So geht`s: jede*r bekommt 3 Kerzen und stellt sie vor sich. Es wird reihum gewürfelt. Bei einer 1 darf eine eigene Kerze angezündet werden. Bei einer 2 müsst ihr eine eigene Kerze wieder auspusten. Bei einer 3 dürft ihr eine Kerze eines Mitspieles auspusten. Wer zuerst alle 3 Kerzen angezündet hat, hat gewonnen. Nebenbei können Kekse geknabbert werden. (Bei unter 5jährigen helft ihr beim Kerzen anzünden mit). Dieses Spiel könnt ihr super verschenken, indem ihr alle Materialien in eine kleine Schachtel legt. Anleitung nicht vergessen.
  • Schnelles Plätzchenrezept für verschiedene Keks-Varianten: 100g Zucker, 200g Margarine, 300g Mehl verrühren und eine Stunde kalt stellen. Ca. 3 cm dick ausrollen, ausstechen und im vorgeheizten Ofen bei 180 Grad 10 Minuten backen (sie sind noch weich, wenn sie aus dem Ofen kommen. Wenn sie abkühlen, härten sie aus). Varianten: gebt Kakaopulver zu einem Teil des Teiges oder gemahlene Mandeln oder Nüsse, würzt einen Teil Teig mit Zimt, Vanille, Nelken, Ingwer, was ihr gerade da habt. Verziert die Kekse mit Schokokuvertüre oder Zuckerguss (Puderzucker mit wenig Wasser verrühren) und streut Kokosflocken, Mandeln, Rosinen, Walnüsse oder Zuckerstreusel (wer es ganz süß mag) drauf. Da mein Sohn dringend „morgen“ Plätzchen backen wollte mit dem einleuchtenden Argument: „Mama, aber jetzt ist doch Advent“, nach der Kita aber meiner Meinung nach zu wenig Zeit blieb, um den Teig herzustellen und kalt zu stellen, schlug ich vor, dass ich den Teig ohne ihn vorbereiten darf. Das akzeptierte er, Hauptsache, er durfte auch naschen. So ging es nach der Kita richtig schnell, ausrollen, ausstechen und backen und wir konnten noch vor dem Abendessen die ersten Plätzchen probieren.
  • Advent ohne Strom: Eine Freundin von mir hatte vor einigen Jahren Stromausfall an einem Adventssonntag. Der ließ sich nicht so schnell beheben. Also machten sie und ihre Familie das Beste draus. Sie zündeten alle Kerzen an, die sie fanden, wickelten sich in dicke Decken, lasen Weihnachtsgeschichten und überlegten, wie die Menschen zu Zeiten ohne Strom wohl Advent und Weihnachten gefeiert haben. Es entstanden tolle Gespräche. Der Fernseher lenkte nicht ab, die Telefone schalteten sie aus und zum Abendessen zogen sie sich dick an, nahmen sich Taschenlampen und grillten im Garten Würstchen, die sie noch im Kühlschrank hatten. Das fanden die Kinder so toll, dass sie dieses Ritual seitdem jedes Jahr an einem Adventssonntag wiederholen. Ich finde es eine tolle Geschichte und sicher lohnenswert, es einmal zu probieren, wenn es auch nur ein paar Stunden sind.
  • Weihnachtsbaum-Anhänger selbst gemacht: Ihr legt Plätzchen-Ausstechförmchen in eine große Wasserschüssel und tropft mit langen Stielkerzen (da verbrennt ihr euch nicht so schnell die Finger) Wachs in die Formen. Durch das Wasser trocknet es schnell und die Wachsförmchen können aus dem Rahmen gedrückt und zum Abtropfen auf ein Tuch gelegt werden. Mit einem Faden legt ihr eine Schlaufe oben auf die Figur und topft die Enden mit Wachs fest. So kann sie an den Weihnachtsbaum gehängt werden. Probiert verschiedene Kerzenfarben aus. Durchgefärbte Kerzen machen die schönsten Ergebnisse. Ist auch ein nettes Geschenk für die Großeltern oder andere liebe Menschen.
  • Geschichten hören und lesen: ist immer wundervoll, besonders zur Weihnachtszeit. Am liebsten Weihnachtsgeschichten, die ein wenig magisch sind. In der Bücherhalle findet ihr sicher passende Geschichten für jedes Alter. Wir lieben zurzeit: „Morgen, Findus wird´s was geben“, „Weihnachtszeit in Bommerlund“,  „Weihnachten bei Paulchen Bär“ und  „Wann kommst du, lieber Weihnachtsmann“.
  • Magische Gespräche: Im Moment beschäftigen die Kinder, die an den Weihnachtsmann oder das Christkind glauben, viele Fragen. Gibt es eigentlich nur 1 Weihnachtsmann? Wie kann der Schlitten so schnell fliegen? Warum nimmt der Weihnachtsmann gerade Rentiere für den Schlitten? Wie passen alle Geschenke in den Sack? Und viele mehr… Wir müssen nicht auf alles eine Antwort wissen. Ich frage meinen Sohn einfach zurück, was er denn glaubt und gebe ehrlich zu, dass ich darauf auch keine Antwort weiß, weil ich den Weihnachtsmann nie getroffen habe. Meistens hat er wundervoll fantasievolle Ideen zu seinen Fragen und es entstehen tolle Gespräche. Ich lasse mich richtig gerne von seinen Erklärungen anstecken und tauche ein in die magische Welt der Kindersicht auf Weihnachten. Das ist herrlich und mein Sohn findet es toll, mir etwas erklären zu können.

Ich wünsche euch eine friedliche und wundervolle Weihnachtszeit und ein gutes Jahr 2019!!!

Genießt die Zeit mit euren Kindern!

Eure Jessica

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Ist das ne sinnvolle Regel oder kann das weg?!

Warum fällt es meinen Kindern bloß so schwer, meine Regeln zu respektieren? Andere Kinder schaffen das doch schließlich auch. Mache ich etwas falsch? Wollen die Kinder mich bewusst ärgern?“

Auf solche oder ähnliche Gedanken können Eltern schon einmal kommen, wenn sie mit ihren Kindern in einem Machtkampf um aufgestellte Regeln und Grenzen stecken. Das höre ich in meinen Workshops und Beratungen immer wieder.

Kinder müssen in ihrem Alltag unzählige Grenzen, Regeln und Gesetze beachten. Nicht nur zu Hause, auch in der Kita oder Schule, im Straßenverkehr, im Spiel mit Freunden, bei den Großeltern, im Sportverein. Überall wird von ihnen Kooperation verlangt. Das ist auch sinnvoll, damit wir Menschen friedlich und ungefährlich durchs Leben gehen können. Trotzdem halte ich viel davon, zu Hause ein paar Regeln zu überdenken und vielleicht zu lockern oder ganz zu streichen. Das kann unseren Alltag entspannen.

Die Idee: Eltern könnten einmal darüber nachdenken, welche Regeln wirklich wichtig und sinnvoll für sie sind? Das finden sie heraus, wenn sie ihre zu Hause geltenden Gesetze gut begründen können. Ist dies nicht der Fall, könnte es sich um eine Regel handeln, die sich aus dem Umfeld oder aus der Kindheit „eingeschlichen“ hat, die quasi unreflektiert übernommen wurde. Wenn wir aber eine Regel vor uns nicht gut begründen können, wird es schwer fallen, sie durchzusetzen. Das merken Kinder. Sobald sie Spielraum wittern, werden sie die Grenzen austesten oder mit uns diskutieren. Haben Eltern dazu gerade keine Nerven, kommt es schnell zum Streit.

Weiter könnten Eltern sich fragen: Welche Befürchtung steckt hinter der Regel? Oder was möchte ich bei meinem Kind damit erreichen? Und ist das denn auch realistisch?

Ein Beispiel: Wenn mein 3jähriges Kind am Tisch ruhig sitzen bleiben soll bis alle fertig gegessen haben. Was möchte ich erreichen? Soll mein Kind gesellschaftliche Normen einhalten lernen? Möchte ich ihm stilles Sitzen mit Blick auf die Schule schon frühzeitig beibringen? Befürchte ich, dass ich sonst einen „Zappelphilipp“ heranziehe, der mit seiner wilden Art überall anecken wird? Habe ich Ziele und Befürchtungen aufgedeckt, kann ich mir anschauen wie realistisch sie sind. Gesellschaftliche Normen kann ein 3jähriges Kind schon rein kognitiv noch gar nicht nachvollziehen. Dass Kinder in der Schule auch mal still sitzen und arbeiten müssen, lernen sie in der (Vor-)Schule ohnehin. So könnte ich darüber nachdenken, ob das nicht noch früh genug ist?

Stelle ich fest, dass ich diese Vorgabe aus meinem Elternhaus übernommen habe, kann ich mich fragen, wie ich es selbst fand, mich daran halten zu müssen? Was habe ich daraus gelernt? Mache ich das heute noch so? Fühle ich mich dabei wohl? War es sinnvoll, dass meine Eltern mich so früh dazu „erzogen“ haben oder hätte ich es später, vielleicht in der Schule, ohnehin gelernt? Bemerke ich dann, dass diese Regel tatsächlich aus unbegründeten Befürchtungen oder meiner Kindheit stammt, könnte ich mich entschließen, sie zu lockern oder ganz aufzugeben. Ich könnte auch testweise einmal schauen, wie es uns als Familie ohne die Regel geht. Vielleicht macht das Abendessen plötzlich mehr Spaß?! Unsere Kinder müssen sich in ihrem Alltag an so viele Regeln halten, da kann es für alle entspannend sein, ein paar Grenzen fallen zu lassen. Unsere Kinder werden dadurch nicht gleich zu gesellschaftlichen Außenseitern oder tanzen uns dann nur noch auf der Nase herum. Bestimmt nicht!

Kann ich eine Regel vor mir gut begründen (Zähne putzen ist mir wichtig, weil ich Karies verhindern will), ist sie für mich sinnvoll und kann aufrecht erhalten bleiben. Auch wenn das Durchsetzen manchmal trotzdem schwierig ist, werde ich hier vermutlich konsequent bleiben.

Sich an die eigene Nase fassen, denn Kinder achten mehr auf das, was wir tun, als auf das, was wir sagen: Eltern könnten sich weiter fragen: Lebe ich die Regel gut vor oder breche ich sie selbst hin und wieder? Wenn ich selbst öfter Sachen herumliegen lasse oder zum Trödeln neige, kann ich dann von meinen Kindern Ordnung verlangen und dass sie morgens mit dem Anziehen pünktlich fertig sind. Um Regeln durchzusetzen, sollten Eltern ein möglichst gutes Vorbild dafür sein. Fällt es den Eltern selbst schwer, sich nach dieser Regel zu richten, warum lassen sie sie nicht weg? Wenn sie bestehen bleiben soll ist es nur fair, dass sie dann die gleiche Konsequenz erfahren, wie die Kinder. Wenn ich vergesse, die Hände vor dem Essen zu waschen, muss ich genauso noch einmal aufstehen und es nachholen. Mein Sohn hatte neulich die Idee, dass wir ein Bild malen könnten, das uns ans Hände waschen nach der Kita erinnern kann. Das fand ich prima und wir haben es zusammen gemalt. Und seit das Bild hängt, passt er von sich aus auf, dass diese Regel auch wirklich eingehalten wird. Kinder lieben es, wenn sie mit einbezogen werden!!

Verständnis für unkooperatives Verhalten aufbringen: Leider sehen Eltern oft nur die Situationen, in denen die Kinder Regeln nicht einhalten, also nicht kooperieren. Aber die vielen, vielen Situationen, in denen Kinder mitmachen, übersehen sie, weil sie das als „normal“ erachten. Anziehen, Zähne putzen, abwarten, bis die kleine Schwester angezogen ist, sehr kleine Kinder, die uns die Arme hinstrecken, wenn wir ihnen die Jacke anziehen oder uns die Schuhe holen, selbständig frühstücken, usw. Auch in Kita und Schule müssen Kinder den ganzen Tag kooperieren und Regeln beachten. Haben sie nachmittags das Bedürfnis, sich selbst nicht mehr so stark regulieren zu müssen, sobald sie aus Kita oder Schule abgeholt werden, bekommen sie oft Ärger weil sie herumflippen, turnen, laut werden, nicht mehr mitmachen wollen. Dabei geht es uns Erwachsenen manchmal ähnlich. Wir kooperieren während der Arbeit den ganzen Tag, halten vielleicht Dinge aus, die uns nicht passen. Auch wir sind abends erledigt und wollen eigentlich einmal Fünfe gerade sein lassen. Den Blick auf die positiven Situationen richten, in denen die Kinder gut mitmachen, kann helfen, mehr Verständnis für sie aufzubringen, auch wenn sie gerade nicht so „funktionieren“, wie wir es gerne hätten.

Und nicht vergessen, dass es auch schöne Regeln gibt, nämlich unsere Rituale, wie die Gute-Nacht-Geschichte und das Kuscheln am Abend. Diese Regeln können wir in vollen Zügen genießen und davon dürfen wir ruhig viele aufstellen.

Einfühlende Kommunikation oder: Die „Großen“ sind auch ein bisschen Klein

Wir kommunizieren mit Babys anders als mit unseren großen Kindern. Dabei könnten unsere „Großen“ empathisches Einfühlen und ermutigendes Verhalten auch gut brauchen. Bei Babys oder kleinen Kindern, die erst wenig sprechen können, hören wir auf die Stimme, den Tonfall, achten auf Körperhaltung, Gesten, Mimik, Blickrichtung. Wir verbalisieren automatisch was in ihnen vorgehen könnte, was sie evtl. ausdrücken möchten:

  • Baby erwacht und lächelt uns an: „Du strahlst ja so. Hast du gut geschlafen?“
  • Baby streckt die Arme aus: „Möchtest du raus aus dem Bett?“
  • Baby sagt „da“ und zeigt auf etwas. Wir folgen dem Blick und fragen: „Möchtest du mit dem Ball spielen?“
  • Baby weint: „Oh, wer hat denn da Hunger?“
  • Baby macht einige Schritte und wir ermutigen: „Toll! Ja genauso! Komm her! Noch ein Stück. Gleich bist du da. Prima!“
  • Baby fällt hin: „Plumps. Nicht so schlimm, probiere es noch mal!“
  • Vielleicht jubeln noch andere Beobachter*innen: „Wie niedlich. Schau mal, wie er/sie läuft!“

Unseren Babys und kleinen Kindern tut das gut, keine Frage. Es ist schön, dass wir so auf sie eingehen.

Sobald sich unsere Kinder gut verbal ausdrücken können, scheinen wir jedoch die Fähigkeit des genauen Beobachtens, des einfühlenden Verstehens und Ermutigens zu verlernen oder vielleicht als nicht mehr so wichtig zu erachten. Vielleicht nehmen wir uns im Alltagsstress auch zu wenig Zeit dafür. Zumindest treten die oben genannten Verhaltens- und Kommunikationsweisen in Gesprächen mit älteren Kindern mehr und mehr in den Hintergrund. Wir Erwachsenen achten hauptsächlich auf das, was gesprochen wird und reagieren meistens zügig mit einer Antwort. Vor allem in Situationen, in denen das Kind etwas anders möchte als wir, streiten wir dann schnell. Denn wir Eltern springen oft auf den Ton und die Gestik ein, die uns am Meisten provoziert und darauf reagieren wir gereizt. Dabei könnten wir, bei genauerer Beobachtung, noch andere Gefühle als Wut, Trotz oder bewusste Provokation wahrnehmen.

Mein Sohn bringt mich beispielsweise auf die Palme, wenn er auf dem Sofa herumlungert und mit genervtem Ton immer wieder sagt: „Mir ist langweilig!“ Ich habe eigentlich anderes zu erledigen, nehme von ihm aber den Auftrag wahr: „Tu was dagegen. Beschäftige mich! Denk du dir was aus, was mir Freude macht.“ Wenn ich darauf einsteige, mache ich Vorschläge, schleppe Material zum Basteln o.ä. an. Alles lehnt er ab. Irgendwann macht mich das sauer. Ich fühle mich veräppelt, genervt und das, was ich erledigen wollte, ist auch liegen geblieben. Häufig kommt es dann zum Streit. Und alle sind unzufrieden. Würde es mir gelingen, die Zwischentöne zu hören und mich mehr auf seine Mimik und Körperhaltung zu konzentrieren, statt nur auf seine verbalen Äußerungen, würde ich bemerken, dass er in diesen Momenten eigentlich traurig ist, vielleicht auch etwas unsicher und ratlos. Er möchte Zeit mit mir verbringen, kann es aber nicht direkt äußern. Er ist traurig, dass ich zwar da bin, aber andere Dinge zu tun habe. Gestern ist es mir gelungen, hinter die Äußerung zu schauen. Er hatte 2 Freunde zu Besuch und wir hatten einen tollen Nachmittag zusammen. Er war rundherum glücklich. Kaum hatten sie sich verabschiedet, sagte er wieder: „Mir ist langweilig.“ Mein 1. Gedanke war: „Das kann doch nicht wahr sein. Du hast doch den ganzen Tag gespielt. Du wirst doch mal 10 Minuten Nichts-Tun aushalten können.“ Zum Glück sagte ich es nicht, sondern sah in sein Gesicht. Ich setzte mich zu ihm und sagte: „Du siehst traurig aus. Findest du es schade, dass deine Freunde gegangen sind? Hättest du gerne mehr Zeit mit ihnen gehabt?“ Plötzlich erschlaffte sein Körper, er nickte und weinte. Ich umarmte ihn, sagte, dass ich verstehen könne, dass er traurig sei, weil sie sich selten sehen und dass man ruhig ein bisschen weinen darf, wenn man traurig ist. Das tat ihm gut. Mir auch. Wir hatten eine Verbindung statt Streit. Danach erklärte ich ihm, dass ich nun ein bisschen aufräumen müsse und Abendessen vorbereiten und er entschied sich für ein Hörspiel.

Dies ist nur ein Beispiel, aber es brachte mich zum Nachdenken. Wir könnten doch probieren, bei  größeren Kindern, die verbalen Äußerungen, die uns vielleicht ärgern, einmal bewusst zu überhören und auf das zu achten, was die Kinder uns auf andere Art sagen. Bei  Babys sind wir doch auch gut darin zu erahnen, was in ihnen vorgehen könnte, was sie brauchen, ohne dass sie es verbal ausdrücken. Und wenn es uns gelingt und wir mit unserer Vermutung ins Schwarze treffen, können unsere Kinder von uns lernen, ihre Bedürfnisse selbst wahrzunehmen und lernen, sie gezielter zu äußern. „Ich fühle mich gerade einsam und hätte gerne mehr Zeit mit dir“ kann ich viel besser annehmen als: „Mir ist langweilig. Nie spielst du mit mir.“ Und auch großen Kindern würde es gut tun, wenn wir ihnen mit positiven Blick, einem offenen Lächeln, einem freundlichen Ton und ermutigenden Worten begegnen, so wie wir es bei ihren kleinen Geschwistern tun (was die „Großen“ sehr wohl wahr nehmen und sich dadurch zurecht manchmal zurückgesetzt fühlen). Denn schließlich sind auch die „Großen“ noch ein bisschen klein. Es sind schließlich auch noch Kinder.