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Die Familie ist zur Zeit alles: Arbeitsplatz, Konfliktherd, Zufluchtsort, Auftankmöglichkeit, Austausch, Geborgenheit. Sie ist wichtiger denn je.

Liebe Eltern!

Ich hoffe, euch und euren Familien geht es gut.

Mein 1. Corona-Schock ist verdaut. Vor der KiTa-Schließung war ich ängstlich und skeptisch, wie alles werden wird, wie wir uns fühlen werden, zusammen auf engem Raum, was das mit mir macht, wo ich doch viel Rückzug brauche, um bei mir zu bleiben und dann wieder für die Kinder da sein zu können. Ich hatte Sorge vor den gesellschaftlichen Auswirkungen Das Hamstern der Menschen hat mich gestresst und es war anstrengend, mich davon nicht anstecken zu lassen. Eine Sorge war, dass die Menschen ihr Mitgefühl füreinander verlieren könnten, sich egoistisch Lebensmittel vor der Nase wegschnappen und zu viel Panik schieben.

Mittlerweile habe ich mich arrangiert mit der Situation, so weit es geht, da es ja ständig neue Nachrichten gibt. Das Homeoffice klappt besser als gedacht, ich komme bislang tatsächlich auf meine Stunden, die Kinder haben nach einigen Tagen verstanden, dass Mama und Papa zwar da sind, aber nicht ständig verfügbar. Sie spielen häufiger allein als vorher. Das liegt sicher auch daran, dass ihre Eltern klarere Absprachen mit ihnen treffen, was wann wie passiert und wann wir Zeit haben und wann nicht. Und wir bemühen uns, uns an unsere Absprachen zu halten, denn wir sind ja schließlich auf die Kooperation der Kinder angewiesen. Außerdem gibt es Sicherheit in unsicheren Zeiten. Nicht nur den Kindern auch uns. Und um meine Rückzugsmöglichkeit zu bekommen, bin ich nun gezwungen, es klar zu formulieren und mit meinem Mann zu verabreden, wann ich mich zum Yoga, in die Wanne, mit einem guten Buch oder einfach nur zum Löcher in die Luft gucken zurückziehen kann. Eine gute Lerngelegenheit für mich, meine Bedürfnisse zu erkennen und sie deutlich zu kommunizieren. Ich weiß, dass das jetzt besonders wichtig ist, damit wir alle in Balance bleiben können.

Auch meine gesellschaftlichen Sorgen haben sich verringert durch unzählige tolle und rührende Ideen. Nicht nur Klatschen und Musizieren von Balkonen, sondern auch die unzähligen Beschäftigungsangebote für Kinder: das Plantetarium bietet online-Vorträge an, die Bücherhallen stellen die online-Medien zur Verfügung, Turnstunden, Kinderkonzerte, Mutmach-Podcasts, Nachbarschaftshilfen wie Sammeleinkäufe. Das lässt mich hoffen. Darauf, dass wir nicht durchdrehen und nur an uns selbst denken, sondern dass wir merken, wie wichtig jeder kleine Beitrag, jede Geste sein kann. Dass uns bewusst wird, wie sehr wir andere Menschen brauchen, jetzt, wo wir die persönlichen Treffen vermissen, dass wir dankbar sind für den tollen Job, den unsere Erzieher*innen leisten. Manches wird ja leider erst bewusst, wenn es nicht mehr selbstverständlich ist. Ich habe das Gefühl, dass es gerade in Richtung Dankbarkeit und Nächstenliebe geht und das erfüllt mich mit Zuversicht.

Ich hoffe, dass auch ihr den ersten Schock hinter euch gebracht habt und euch mittlerweile gut mit den Kindern zu Hause arrangiert. Ich möchte euch Mut machen, diese Zeit als Geschenk anzusehen und euch ein paar Tipps mitgeben.

Tipps für die Gestaltung des Alltags

  • Gebt jedem Tag eine Struktur: steht zu festen Zeiten auf, zieht euch alle an, haltet euch an feste Zeiten zu den Mahlzeiten, führt eure Rituale wie gewohnt weiter durch. Eine Struktur stützt uns, wenn alles andere unsicher ist. Die Kinder lieben Rituale und haben Klarheit, ob Wochenende ist oder nicht. Meine Kinder fragen immer, welcher Tag ist und berichten mir gerne, was an diesem Tag in der Kita passieren würde. Z.B. ist dienstags Musik und mittwochs turnen. Wir machen das dann auch, zu Hause. Die Kinder freuen sich riesig, wenn wir ihre Ideen aufgreifen.
  • Ihr könnt den Tag mit wechselnden Angeboten gestalten: mit Impulsen von euch, aber auch Zeit für Freispiel, Draußen-Zeit (eine Runde durch den Park) und Ruhephasen (alle gucken Bücher an, puzzeln oder hören ein Hörspiel), klare Absprachen zur Medienzeit.
  • Am Wochenende ist Wochenende: wir dürfen länger schlafen, im Schlafanzug bleiben, vielleicht Waffeln zum Frühstück essen, die Struktur etwas schleifen lassen. Die gemeinsame Zeit genießen.
  • Klare Absprachen treffen: „Ich arbeite jetzt bis der große Zeiger oben ist und danach machen wir ne halbe Stunde was zusammen (wichtig: sich dran halten, damit die Kinder Sicherheit haben und nicht durch negatives Verhalten um unsere Aufmerksamkeit buhlen).
  • Feste gemeinsame Aufräumzeiten, damit wir nicht immer alles hinterher räumen und zu nix kommen.
  • Mahlzeiten vorbereiten oder Dinge zubereiten, die schnell gehen (können trotzdem gesund sein, wenn wir immer frisches Obst und Gemüse als Buffet mit auf den Tisch stellen. Meine Kinder essen das übrigens am ehesten, wenn es quasi Vorspeise ist und sie richtig hungrig sind. Und ich habe Zeit, das Hauptgericht auf den Tisch zu stellen).
  • Beim Haushalt mal Fünfe gerade sein lassen. Und mehr als sonst Aufgaben abgeben: alle helfen mit beim Tisch (ab)decken oder putzen. Ich fühle mich gleich besser, wenn auch der Kleine seinen Teller weg bringt und mit dem Handfeger unter dem Tisch herum wischt, während ich staubsauge. Selbst wenn er natürlich nicht wirklich sauber macht 😉
  • Kinder mehr beteiligen: ihr müsst nicht immer ein tolles Bastel-Angebot parat haben oder einen Parcours im Garten aufbauen. Kinder sind auch beschäftigt, wenn wir sie mitmachen lassen z.B. beim Fenster putzen, beim Essen kochen, Müll raus bringen, für Ostern dekorieren, Blätter harken, Fahrräder putzen
  • Abends besprechen was gut geklappt hat (den Blick auf die positiven Dinge richten. Das bringt Kinder eher in Kooperation und tut eurer Bindung gut). Es kann auch besprochen werden, was morgen geplant ist, was sich die Kinder wünschen und was wir von ihnen brauchen, damit der Tag gut klappt.
  • Vor allem: immer möglichst die Ruhe bewahren. Es geht nicht schneller, wenn wir ne Schimpfattacke loslassen. Eher dauert es länger, wenn wir erst streiten und dann trösten müssen. Der Stress tut allen nicht gut und wir müssen noch ne ganze Weile miteinander auskommen und das häufiger und enger als wir es kennen… Ich stelle fest, dass die Kinder schneller wieder ihr eigenes Ding machen, wenn sie etwas wollen und ich ihnen kurz zuhöre und zwar ernsthaft, als wenn ich sie ständig nur vertröste. Natürlich dauert meine Arbeit so länger, aber wir haben weniger Streit.

Was hilft uns Eltern?

  • Dankbarkeit üben: ich nehme mir kurz die Zeit, meistens noch im Bett, tief in den Bauch zu atmen und zu überlegen, wofür ich heute dankbar bin: z.B. dafür, dass ich meinen Job auch von zu Hause machen kann, dafür, dass die Kinder durchgeschlafen haben, dass wir gesund sind, dass meine Ehe gut funktioniert, dass ich einen Geschirrspüler habe, dass die Sonne scheint, dass wir gleich gemeinsam frühstücken, dass ich nicht einsam bin, dass wir gut versorgt sind, mit allem was wir brauchen… das stimmt uns gleich positiver und verbessert den Start in den Tag.
  • Unser Mindset, also unseren Blick auf die Situation ändern: ich sage nicht: So ein Mist, die Kinder sind schon wach und ich bin so müde. Ich sage, wie schön, dass meine Kinder so fröhlich in den Tag starten und direkt Lust haben, Zeit mit mir zu verbringen. Was brauche ich, um ihnen das bieten zu können? Vielleicht bitte ich sie noch 15 Minuten Bücher anzugucken, bis ich aufstehe und mir einen Kaffee gemacht habe.
  • Ich habe auch bemerkt, dass es mir nicht gut tut, mir ständig die neuesten Meldungen zu Corona anzusehen oder jeder Nachricht in sozialen Netzwerken Raum zu geben. Das drückt auf meine Stimmung und tut uns als Familie nicht gut. Meine wichtigste Mama-Aufgabe ist gerade, hier zur Stelle zu sein, geduldig zu bleiben, uns in Balance zu halten und unsere Beziehung zueinander gut zu gestalten. Die Nachrichten schaue ich mir erst an, wenn die Kinder im Bett sind (bevor ich schlafe, lenke ich meine Gedanken dann aber nochmal auf was anderes als Corona, sonst schlafe ich schlecht)
  • Ich richte den Blick auf die positiven Dinge: wann spielt mein Kind allein, kooperiert gut, gibt mir Raum für meine Dinge. Ich freue mich, dass mein Kind glücklich, gesund und froh ist
  • Wenn es mir zu laut wird, sorge ich für mich, statt meine Kinder anzumeckern. Ich gehe kurz vor die Tür oder benutze Ohr-Stöpsel. Denn es ist mein Bedürfnis. Die Kinder sind ja gerade super glücklich, wenn sie wild und laut sind.
  • Jeden Tag nach draußen gehen. Am besten alle zusammen, denn Bewegung und frische Luft stärkt uns alle und tut uns gut. Wenn es mir aber zu viel wird, gehe ich alleine eine Runde raus, vielleicht mit Musik oder einem Podcast oder ich lausche nur der Natur.
  • Gut auf sich selbst achten: wenn ich Ruhe, Sport oder Rückzug brauche, schaue ich, wie ich es organisieren kann. Ich bespreche mit meinem Mann, wann ich die Zeit für Yoga habe (z.B. wenn die Kinder im Bett sind und mein Mann und ich dabei ein Hörspiel hören. Danach kuschle ich mich zu ihm aufs Sofa. Klappt gerade ganz gut)
  • Die Paar-Zeit nicht vergessen: als Team müssen wir jetzt besser funktionieren denn je. Aber auch als Paar ist es wichtig, Zeit zusammen zu verbringen. Gespräche zu führen, wie es uns gefühlsmäßig geht, wie wir den Tag empfunden haben, sich bedanken beim Partner für die Unterstützung. Leichtigkeit in die schwierige Zeit bringen, indem wir mal wieder ein Spiel spielen, zusammen Hörbücher oder Hörspiele hören, beim Abendessen weniger essen und vielleicht später nochmal was Nettes zusammen kochen, sich in den Arm nehmen und dankbar sein, dass wir das zusammen durchstehen.
  • Und sollten wir uns in einer Krise befinden, gibt es viele online-Angebote (es werden immer mehr), die wir zur Paar-Beratung nutzen können. Tun wir das! Rechtzeitig! Wir sind der sichere Hafen unserer Kinder und zuständig für die Atmosphäre zu Hause. Und hängt der Haussegen schief, sind wir verantwortlich, ihn wieder gerade zu biegen. Unsere Kinder können das nicht, aber sie sind dann oft die Leidtragenden.

Wenn ihr Fragen habt oder eine kurzfristiges online-coaching möchtet, weil euch gerade die Decke auf den Kopf fällt, schreibt mir gerne. Wir finden sicher eine Lösung, um uns kurz auszutauschen. Auch kleine Austauschrunden per Video-Chat sind möglich. Schreibt mir gerne eure Fragen und Themen dazu.

Für Streitsituationen könnt ihr nochmal einen Blick in meine Kolumne: sich im Streit wieder verbinden werfen.

Ich wünsche euch Gesundheit, Liebe und Zuversicht und eine gute Familienzeit!

Eure Jessica

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